Geschichte

der finnischen Lapphunde

In den letzten Jahren hat sich sehr viel bewegt auf dem Gebiet der Erforschung der Beziehung von Mensch und Hund. Dabei ist man auch dem Zeitpunkt sehr nahe gekommen, an dem der Wolf durch das Leben mit dem Menschen zum Hund wurde. Durch klassische Archäologie, durch Anthropologie (Lehre vom Menschen, Völkerkunde, auch Steinzeitmenschen) und nicht zuletzt durch die Genetik konnte die Zusammenkunft des Menschen mit dem Wolf relativ genau zeitlich und örtlich festgelegt werden. Stellvertretend für die vielen – meißt relativ unbekannten - Forscher möchte ich hier nur zwei Namen nennen:

Prof. Dr. Kurt Kotrschal, der österreichische Wolfsforscher, der auf den Fußstapfen von Konrad Lorenz in seiner Forschungsstation in Ernstbrunn viel über die Psychologie der Mensch - Hund Beziehung herausgefunden hat und noch weiter findet…

Frau Prof. Dr. Pat Shipman, Anthropologin an der Penn State University in Pennsylvania, USA. Sie hat 2015 ihre Forschungsergebnisse zusammengefasst und in einem populärwissenschaftlichen Buch veröffentlicht. Dieses kleine Büchl mit dem Titel „The Invaders“ hat die interessierte Wissenschaftswelt aufgerüttelt und die Forschung zur „Hundwerdung“ des Wolfes intensiviert.

Nach einigem Hin- und Her ist der neueste Stand derzeit etwa Folgender:

Ca. vor 32.000 bis zu 36.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung haben sich die damaligen Menschen der Gattung Homo sapiens (also unsere Vorfahren – andere gabs damals nicht mehr, die Neandertaler waren ca. 40.000 vor Christus ausgestorben) unter anderem auch in Europa und im westlichen Teil Russlands aufgehalten. Damals herrschte noch die letzte Eiszeit. D. h. die Alpen und Skandinavien waren komplett vom Eis bedeckt. Aber in Frankreich, Mittel- und Süddeutschland, Tschechien, südliche Teile Polens, Slowakei und der Ukraine konnte man leben. Der damalige Mensch war nicht sesshaft und war Jäger und Sammler. Seine Beute waren Rehe, Hirsche, Karibus, Hasen, Elche, Rentiere und selten Mammute. Seine Feinde bzw. Fresskonkurrenten waren Bären, Wölfe, Löwen und wohl auch wehrhafte Wisente, Büffel und Bisons. Solche Monster wie der 400 kg schwere Säbelzahntiger, lebten zu dieser Zeit wohl nur noch in Amerika.

Jetzt war es der große Verdienst von Frau. Prof. Shipman, daß sie zusammen mit einer Kollegin herausgefunden hat, daß sich die Fundorte von Mammutknochen, Menschenknochen und Wolfsknochen innerhalb sehr kurzer Zeit massiv verändert haben. Und nicht nur das, nein, auch die Schädelknochen der Wölfe haben sich im selben Zeitraum verändert. Und zwar in Richtung Hundeschädel. Was war geschehen?

Die Ausgangslage waren vereinzelte Mammutknochen im räumlichen Zusammenhang mit Menschenknochen. Dabei auch Wolfsknochen, Rehe, Karibus und andere Tiere. Alles in relativ kleinem Ausmaß. Und plötzlich, innerhalb weniger Schichten finden sich riesige Berge von Mammutknochen, Menschenknochen und diese komischen Übergangsknochen, die Pat Shipman als „Wolfs – Dogs“ bezeichnete.

Das Unerwartete, Unglaubliche und bisher Einzigartige war geschehen:

Zwei Raubtierspezies (Shipman: „Superpredators“) haben sich zusammengeschlossen und eine Spezies hat sich anatomisch verändert. Der Wolf war zum Hund geworden!!!

Prof. Pat Shipman dazu wörtlich: “ I hate the Terminus „Domestication“! Because it wasn’t a Domestication!“

Es war keine Domestikation! Der Wolf wurde NICHT das erste Haustier des Menschen!

Warum?

Ganz einfach: Der damalige Mensch war nicht sesshaft und hatte noch gar keine Häuser, keine Felder, keine Weiden, keine Gehege!

Vielmehr war es ein FREIWILLIGER Zusammenschluss zweier Konkurrenten zum Wohle Beider! Eine klassische win-win Situation. Der Grund war denkbar einfach: Zusammen Jagen geht besser!

Und davon hatten Beide etwas! Mit den Wölfen zusammen war der Jagderfolg des Menschen größer. Man konnte sich jetzt auch an die wirklich großen Viecher heranwagen. Die Mammuts waren jetzt fällig. Und man hatte eine ideale Wachtruppe! Gegen andere Wolfsrudel und auch gegen andere Menschenjagdgruppen. Und der Wolf? Der hatte ein regelmäßiges Fressen und wahrscheinlich wurden die Hund- Wölfe von ihren menschlichen Verbündeten auch beschützt und verteidigt. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Eine klassische win- win Situation eben.

Diese, durch Ausgrabungen gut belegbaren Tatsachen, sollten unser heutiges Grundverständnis vom Zusammenleben zwischen Mensch und Hund grundlegend beeinflussen. Was bedeutet diese Erkenntnis der Evolution für uns?

Ganz einfach: Der Hund ist NICHT unser erstes Haustier, sondern unser erster Jagdgefährte, Waffenbruder und Freund! Und das seit mindestens 32.000 Jahren!

Soweit, so gut!

Natürlich ging die Geschichte weiter. Wie genau, ist auch heute noch unklar. Vor ca. 12.000 Jahren fand man im Nahen Osten die ersten Beweise für Ackerbau und Viehzucht. Hier vermutet man die erste Sesshaftigkeit des Menschen mit den ersten RICHTIGEN Haustieren (Schafe, Ziegen, Rinder). Natürlich war sein Freund, der Hund auch mit dabei.

In Europa und in der gesamten nördlichen Hemisphäre endete zur gleichen Zeit die letzte Eiszeit und ging in die jetzt noch herrschende Warmzeit über. Auch hier wurden die Menschen dann allmählich sesshaft. Ab diesem Zeitpunkt begann die Aufspaltung des Wolf – Hundes steinzeitlicher Prägung in die verschiedenen Rassen. Und wohl auch die Ausbreitung des Hundes über die ganze Erde.

Es gibt hier eine bemerkenswerte Besonderheit. Die Hunde der Indianer. Diese galten eigentlich als ausgestorben. Nicht etwa vor 10.000 Jahren, nein, ausgerottet durch den Genozid der europäischen Einwanderer an den Indianern bei der Besiedlung Amerikas. Also mit Ende des 19. Jahrhunderts. Im Internet sind Bilder dieser Hunde zu sehen, auch Rückzuchtversuche, heutzutage. Beim ersten Blick sehen diese Tiere aus wie ein Wolf. Den Geschichten zufolge sollen sie auch ziemlich stur und selbständig gewesen sein und somit für eine moderne urbane Gesellschaft eher unbrauchbar. Daher hat sie der weiße Mann wohl nicht zu sich übernommen sondern an ihrer Ausrottung wohl mitgeholfen (ähnlich wie bei dem größten Beutel – Raubtier dem tasmanischen Tiger; der hat die 1930 er Jahre dank der lieben Engländer auch nicht überlebt!). Diese ursprünglichen indianischen Hunde haben sich scheinbar zusammen mit den damaligen Jägern und Sammlern über die Behringstrasse nach Amerika aufgemacht. Stimmt dies, so wären sie die direkten Repräsentanten der ursprünglichen steinzeitlichen Wolf – Dogs von Prof. Shipman. Genetisch nahe sind diesen ursprünglichen Hunden auch die nordischen Hunderassen. So nahe, daß man von 2014 bis ca. 2016 unter Wissenschaftlern glaubte, daß es zwei Domestikationsereignisse (blödes Wort) gegeben hätte. Einmal ca. 34.000 Jahre v. Chr. Und ein anderes ca. 12.000 v. Chr.. Eines bei den Jägern und Sammlern in Europa und ein anderes bei den Sesshaften in Vorderasien. Es wurde geschlussfolgert, daß in den nordischen Rassen noch Gene des ersten Ereignisses drinnen stecken würde und die nordischen Hunde deswegen besonders stur und eigenständig wären. Ab 2016/17 weiß man aber, daß dies eine falsche Hypothese war und es tatsächlich nur eine Zusammenkunft zwischen Mensch und Wolf gegeben hat (siehe oben).

Hat sich nur der Wolf in Richtung Hund verändert?

Dies ist unbestreitbar. Der Hund sieht anatomisch anders aus. Der Hund hat ein deutlich verändertes Verhaltensrepertoir und ist diesbezüglich ganz auf das Zusammenleben mit dem Menschen eingestellt. Der Hund hat andere Enzyme als der Wolf und kann zum Beispiel Stärke (langkettiger Zucker wie er im Getreide vorkommt) besser verdauen. Insgesamt ist der Hund so sehr auf das Zusammenleben mit dem Menschen ausgerichtet, daß er ohne Mensch nur sehr schwer existierten kann. Abgesehen von Einzelereignissen des Auswilderns einzelner Hunderudel z. B. in Rumänien, Indien oder der Moskauer U - Bahn!

Hat sich nicht auch der Mensch verändert?

Meines Erachtens: Ja!

Forschungen darüber kenne ich allerdings nicht. Aber man braucht sich nur UNVOREINGENOMMEN und ohne ideologischen Hintergrund das Zusammenleben und die psychisch emotionale Haltung der Menschen zum Hund in den einzelnen Regionen der Welt anschauen.

In den nördlichen Breitengraden leben Weisse (ehemalige Germanen, Kelten und Slawen) und nördliche Asiaten ( Nenzen – ehemals Samojeden, Inuit und fast ausgerottet Indianer). Die Beziehung dieser Menschen zu ihren Hunden ist eine sehr Emotionale und eine sehr Innige. Überall dort, wo die nördlichen Weissen (meißt Angelsachsen, teilweise Niederländer und Deutsche) die Welt erobert haben, sind ihnen auch ihre Hunde gefolgt und das innige Verhältnis blieb erhalten. Wer es nicht glaubt, den bitte ich, schauen sie sich meinen Lieblingsfilm „The Rover“ mit Guy Pearce und Robert Pattison an. Nur wegen seines verstorbenen Hundes tötet in diesem australischen Streifen der Hauptdarsteller gefühlte 35 Menschen, manchmal in Notwehr, meißt aber im Sinne des Ermordens! Kein Film für Frauen und Männer mit schwachen Nerven – aber exzellent gespielt, von beiden Darstellern!

Bei den romanischen Völkern im Süden Europas ist das Verhältnis zum Hund schon deutlich abgekühlter bzw. differenzierter. Man hat Menschen, die ihre Hunde über alles lieben und betüteln (Italienische Damen mit Pudel auf Hundeausstellungen) aber auch kaltherzige Zeitgenossen, die ihre nicht mehr brauchbaren Jagdhunde oder Windhunde einfach aussetzen oder auf grausame Weise umbringen. Die Tierheime und Tötungsstationen sind voll von ihnen!

In Schwarzafrika gibt es Hunde nur, weil die Weissen in den Kontinent eingefallen sind. Schwarze haben somit erst eine ca. eine 200 jährige Hundeerfahrung. Allerdings kann man nichts Schlechtes über sie sagen. Im Prinzip gehen die Schwarzen gleich mit dem Hund um, wie die Weissen.

Ein Problem mit dem Hund haben die Araber. Dort ist er nicht besonders gut angesehen. Bei denen zählen die Pferde und die Kamele weit mehr.

Lustigerweise ist das Verhältnis der Zentralasiaten zu ihren Hunden wieder deutlich besser, obwohl auch sie dieselbe Religion haben wie die hundedistanzierten Araber. Der Grund ist Folgender: Die dortigen großen wehrhaften Herdenschutzhunde (z.B. türkischer Kangal, zentralasiatischer Owtscharka…) werden von den Schafshirten dringend benötigt um die Herden gegen wilde Tiere (Wölfe, Kojoten, Bären) zu verteidigen. Ohne Hund – Herde kaputt !

Eine Katastrophe ist das Verhältnis der Südasiaten, namentlich Südchinesen und Vietnamesen zu den Hunden. Dort sind sie gar nichts wert! Dort werden sie erst gequält und dann gegessen!!! Was ist in deren Hirnen schiefgelaufen? Aber selbst dort gibt es einen Hoffnungsschimmer. Tierliebe (Hundeliebe) Chinesen und Südostasiaten bilden Tierschutzorganisationen und stören den Hundehandel, kaufen Hunde frei und sorgen für öffentlichkeitswirksame Aktionen. Es möge ihnen viel Erfolg beschieden sein.

Da wir hier bei uns in Österreich aber noch mehrheitlich aus hundeliebenden Nordeuropäern bestehen, sehe ich eigentlich kein Problem darin, daß es auch in Zukunft ein gedeihliches Miteinander geben wird.

Dieser oben beschriebene kurze geschichtliche Überblick wurde in ähnlicher Form von mir im österreichischen Hundemagazin "WUFF" Ausgabe 4/2020 veröffentlicht.